Tina Kirfel, Chefin der Agentur Kiticon, hat bereits mit 32 Jahren Verantwortung in ihrer Karriere übernommen, stieß aber besonders als werdende Mutter in leitender Position im Jahr 2006 auf Vorbehalte.
fvw|TravelTalk: Was war der entscheidende Moment, an dem Sie wussten: Ich will führen und Verantwortung übernehmen?
Tina Kirfel: Das ist einfach so passiert, weil ich schon sehr früh immer gern die Führung übernommen habe und vorneweg gelaufen bin.
Die Touristik gilt als stark weiblich geprägt, aber in den Führungsetagen dominieren nach wie vor Männer. Wie erklären Sie sich das?
Es gehören immer beide Seiten dazu: Frauen, die führen möchten, und Männer, die es zulassen und starke Frauen schätzen. Ich erlebe immer wieder, dass wir Frauen bei bestimmten Positionen gar nicht erst in die Auswahl kommen. Und dann ist es leider Tatsache, dass Frauen sich viel mehr beweisen müssen und kritischer beobachtet werden als Männer. Darauf haben viele Frauen einfach keine Lust, glaube ich.
„Ich erlebe immer wieder, dass wir Frauen bei bestimmten Positionen gar nicht erst in die Auswahl kommen.“
Welche Hürden oder Vorurteile haben Sie als Frau auf Ihrem Karriereweg erlebt?
Da gab es einige. Besonders als ich 2006 als Führungskraft mit einem großen Team von 120 Mitarbeitenden mein erstes Kind bekommen habe. Von Führungskreiskollegen habe ich immer wieder den Satz gehört: "Krieg du erst mal dein Kind …" Gemeint war: Dann bist du eh Mutter und keine Führungskraft mehr. Das war damals so und ist heute leider auch noch oft so. Da hat sich im Mindset nicht so viel verändert.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich habe versucht, mich nie von meinem Weg abbringen zu lassen, auch wenn ich zu Beginn innerlich oft gezweifelt habe und unsicher war. Es ist gut, auf sein Bauchgefühl und seine Intuition zu hören und sich nicht irritieren zu lassen. Es gehört auch einiges an Mut und intrinsischer Motivation dazu.
„Ich habe versucht, mich nie von meinem Weg abbringen zu lassen, auch wenn ich zu Beginn unsicher war.“
Was bedeutet Führung für Sie persönlich?
Führung ist für mich eine wirkliche Leidenschaft. Es gibt so viel Machtmissbrauch und schlechte Führung. Wenn schwache Menschen Führungspositionen haben und sich über ihre Position definieren, ist das immer schwierig. Als Führungskraft braucht es neben Kompetenz eine starke Persönlichkeit, Empathie und Weitblick. Man muss Kritik aushalten, andere Meinungen hören und damit umgehen können, dass Mitarbeitende in vielen Kompetenzen vielleicht besser sind als man selbst. Gute Führung bedeutet für mich auch, sich auf kontroverse Diskussionen einzulassen und Mitarbeitende zu motivieren, ihre eigenen Stärken zu entwickeln. Führung bedeutet letzlich auch Wertschätzung, Respekt und eine große Verantwortung und nach außen immer wie eine Löwin vor dem Team zu stehen. Führungskräfte, die ihre Mitarbeitenden vor anderen runtermachen oder klein halten, kann ich schlecht ertragen.
„Führung bedeutet eine große Verantwortung und nach außen immer wie eine Löwin vor dem Team zu stehen.“
Was macht Ihnen am meisten Freude daran?
Zu sehen, wie Menschen wachsen, sich entwickeln und Verantwortung übernehmen, finde ich großartig. Dabei lernt man, selbst loszulassen und Entscheidungen anderer zu akzeptieren, auch wenn man es selbst anders gemacht hätte.
Gab es einen Moment, in dem Sie an Ihrer Führungsrolle gezweifelt haben?
Nein, den gab es nie. Ich liebe Führung, ich habe Mut, und mich beflügelt es, andere groß zu machen. Ich bin stolz auf alle, die ich schon groß gemacht habe, und darauf, was für großartige Führungskräfte sie heute sind. Und wenn dann noch in fvw-Tischgesprächen gesagt wird, "Habe ich alles von Tina gelernt", ist das schön und freut mich sehr.
Wer oder was hat Sie auf Ihrem Weg geprägt?
Vorbild war für mich auf alle Fälle Johannes Zurnieden (Gründer und Geschäftsführer von Phoenix Reisen, die Redaktion) mit seinem Unternehmergeist und seiner immer offenen Tür. Dann meine langjährigen Chefs bei Transocean und Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, Boudewijn Bezemer und Sebastian Ahrens. Sie haben mich immer gefördert und mir alles zugetraut. Sie haben auch daran geglaubt, dass ich Kinder bekommen kann und dennoch mit derselben Power Führungskraft bleibe. Das war damals nicht üblich. Schon gar nicht in einem so konservativen Unternehmen wie Hapag-Lloyd.
„Vorbild war für mich auf alle Fälle Johannes Zurnieden mit seinem Unternehmergeist und seiner immer offenen Tür.“
Welche konkreten Veränderungen braucht es, um mehr Frauen in Entscheidungspositionen zu bringen?
Es bedarf bei vielen viel mehr Flexibilität im Kopf, wenn es um die Neubesetzung von Führungspositionen geht. Oft werden Frauen gar nicht in den Auswahlprozess genommen, weil irgendwo im Hinterkopf mitschwebt: "Die kriegt ja eh bald ein Kind." Wenn Menschen zudem immer noch glauben, dass im Homeoffice nicht gearbeitet wird oder Frauen in Teilzeit nicht genug leisten, wird es nicht funktionieren. Ich kenne so viele Frauen mit Kindern, die in Teilzeit mehr leisten als viele in Vollzeit. Es braucht also Vertrauen in Frauen und deren Kompetenz. Frauen in Führungspositionen mit Kindern sind zudem ein großer Mehrwert. Es sitzt einfach immer noch zu viel Kompetenz zu Hause, weil die Arbeitsmodelle nicht flexibel genug sind.
Wie fördern Sie in Ihrem Unternehmen Nachwuchs und Diversität?
Ich fördere alle, indem ich sie immer wieder motiviere, Verantwortung zu übernehmen und unternehmerisch zu denken. Meine Führungskräfte sind auch in die Kosten- und Erlösstruktur der Agentur eingebunden. Sie verstehen unsere Kalkulation, kennen die Painpoints und lernen daraus unglaublich viel. Wir sind immer eng im Austausch. Wenn Fehler passieren, wird das besprochen und wir lernen alle daraus.
Wie wichtig ist es, dass Männer Teil der Diskussion über Female Leadership sind?
Ich fände es wichtig, gemeinsam zu sprechen, aber irgendwie habe ich das noch nicht erlebt. Entweder reden die Frauen oder die Männer untereinander. Ich wäre gern Teil solcher Runden, um die Entwicklung weiter nach vorn zu bringen.
Welchen Rat geben Sie jungen Touristikerinnen?
Sich nicht zu schnell von anderen verunsichern lassen und auf die innere Stimme hören. Wenn man von etwas überzeugt ist, seinen Standpunkt vertreten, auch wenn andere einen davon abbringen wollen. Meist täuscht einen das erste Bauchgefühl nicht. Das habe ich im Nachhinein immer wieder festgestellt. Man muss mutig sein, wenn man etwas erreichen will.
„Man muss mutig sein, wenn man etwas erreichen will.“
Abschließend der Blick nach vorn: Was wäre in fünf Jahren ein echter Fortschritt für weibliche Führung im Tourismus?
Wenn mehr Frauen beim Recruiting in C-Level-Positionen gebracht werden und zeigen, was sie draufhaben.
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